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»Blaue Hortensie«: der Wendepunkt von dem Leben in den Tod

Innerhalb des großen Gedichtzyklus von Rainer Maria Rilke, seine Neue Gedichte, gibt es einen kleineren Zyklus von etwa neun Gedichten, die als ein Symbol oder eine Metapher für das ganze Buch verstanden werden können. Diese Gedichte zeigen die wichtigsten Merkmale des ganzen Zyklus in einer sehr interessanten Weise, als sie uns von dem Leben bis in den Tod hineinführen; dann gibt es einen sehr wichtigen Wendepunkt in dem Gedicht »Blaue Hortensie«, dessen Ende ganz deutlich den Weg zu einem erneuten Aufleben weist; endlich dann führen die späteren Gedichte uns wieder zum Tode. Rilke hat ganz absichtlich die Ordnung seiner Gedichte in diesem Band ausgewählt, und es soll keine große Überraschung sein, daß innerhalb des Buches ein kleiner Spiegel des ganzen Kreises steht; auch wird es klar sein, daß diese Gedichte eigentlich mehrere der rilkeschen Kunst- und Dichtungstheorien wiederspiegeln, besonders seine Theorie der Wichtigkeit der zirkulären Zeit in dieser Welt.

Der kleine Zyklus von Gedichten, der uns vom Tod ins Leben und dann wieder zurück leitet, fängt mit dem Gedicht »Die Erblindende« an. In diesem Gedicht lebt die Hauptfigur noch; sie lebt eigentlich viel, und sitzt »so wie die anderen beim Tee«. Einmal lächelt sie sogar, und sie scheint zuerst, ganz normal zu sein. Als sie aber »durch viele Zimmer« geht, wird es uns bewußt, das etwas los ist: der Dichter sagt, daß sie »den anderen nach« geht, und daß sie irgendwie »verhalten« ist. Was genau los ist, wissen wir nicht, aber wir können vom Titel her ahnen, daß sie erblindet, und vielleicht auch stirbt. Es muß eigentlich klar sein, daß etwas passieren wird, und es scheint, als ob sie schon unterwegs zum Tode ist: der Dichter sagt, daß sie langsam folgte, »als wäre etwas noch nicht überstiegen« -- dieses Etwas ist wahrscheinlich der Tod selbst. Der Tod ist aber hier gar nicht sehr negativ geschildert, sondern eher positiv, als etwas, das man erwarten muß, und worauf man sich freuen soll. Sogar nach dem Tode, sagt Rilke, wird es dieser Erblindenden ganz gut gehen, weil es aussieht, »als ob, nach einem Übergang, sie nicht mehr gehen würde, sondern fliegen.« Obwohl sie noch nicht tot ist, ist es ziemlich klar, daß sie sterben muß, und daß es nur eine Zeitfrage ist.

In dem Gedicht, das der »Erblindenden« folgt, kommt man viel näher an den Tod heran: man steht jetzt auf dem Friedhof, oder, wie der Titel selbst sagt, »In einem fremden Park«. Auch wird der Ton hier viel persönlicher, denn es gibt ein Du, zu dem der Dichter spricht. Es scheint, als ob das Du in diesem Garten spazierengeht; dann nimmt er einen der zwei Pfade, aber er scheint es nicht zu wissen, daß er überhaupt einen Pfad gewählt hat. Rilke spricht ihm dann zu, und erklärt ihm: »es ist, als gingst du fehl«. Vielleicht hätte das Du diesen Pfad gar nicht wählen sollen, aber jetzt ist es zu spät. Nun taucht auch der Tod auf, als es uns klar wird, daß die Figur in einem Friedhof steht, denn »auf einmal bist du im Rondel alleingelassen wieder mit dem Steine«. Hier ist das Du nicht eigentlich tot, aber er hat eine sehr enge Verbindung dazu. Wir lernen auch, daß das Du mehr als einmal hierher gekommen ist, und das es ihm hier gefällt, weil sein »Finden nicht geringer« mit der Wiederholung wird. Es scheint fast, als ob dieser Platz nur für ihn existiert -- er ist zum zweiten oder dritten Mal da, aber noch ist der Ulmenplatz »niebetreten«. Es ist auch interessant, das der Tod hier als verführerisch und winkend dargestellt ist: der Tod »verlockt« ihn, hineinzugehen und da zu bleiben, und er wird im gewissen Sinne bezaubert von der Schönheit der Natur und von seiner eigenen Neugierde. Am Ende aber sieht es gar nicht so nett aus: alles wird ihm völlig unbewußt, und Rilke sagt sogar, daß das Du »verloren« ist.

Nach diesem Näherkommen an den Tod kommt dann der nächste Schritt: der »Abschied« von der Welt. In diesem Gedicht kommen wir eigentlich ins Gesicht des Todes -- jemand stirbt hier, und, obwohl es nicht der Dichter selbst ist, sagt er trotzdem, daß er sehr berührt vom Tode ist: »wie hab ich das gefühlt was Abschied heißt«. Der Tod ist hier für Rilke »ein dunkles unverwundnes grausames Etwas«; das ist gar nicht ein so angenehmes Bild, als es in den früheren Gedichten war, vielleicht weil der Tod jetzt so nah an den Dichter herangekommen ist, daß er ihn nicht mehr als positiv schildern kann. Der Tod ist jetzt grausam und unbarmherzig: es ist etwas, »das ein Schönverbundnes noch einmal zeigt und hinhält und zerreißt«. Der Dichter fürchtet sich ein bißchen vor dem Tode hier, aber er kann sich nicht davor schützen: er steht »ohne Wehr« dem Tode gegenüber. Doch aber scheint es, daß der Dichter eigentlich nicht in Gefahr ist: obwohl der Tod ihn ruft, läßt er ihn gehen, trotzdem aber ist es ihm, als ob der Tod »ein Winken« wäre. Plötzlich dann sind die Gefahr und auch der Tod schon vorbeigegangen, und das Winken ist »schon nicht mehr auf mich bezogen ... schon kaum erklärbar mehr«. Der Dichter selbst wird gespart, aber er ist sicherlich sehr eng an den Tod nahgekommen.

In dem nächsten Gedicht, das hier steht, kann der Erzähler nicht mehr dem Tode entkommen, denn jetzt steht die »Todes-Erfahrung« vor ihm. Rilke behauptet »wir wissen nichts von diesem Hingehen«, aber es ist doch klar, daß das Hingehen gleich da ist, ganz egal ob die Figur es erkennt oder nicht. Rilke macht hier einen Vergleich der Welt mit einer Bühne; eigentlich, sagt er, ist es nur wenn der Tod selbst in dieses Leben kommt, daß »ein Streifen Wirklichkeit« durchbrechen kann. Auch mit dem Tod kommt zum ersten Mal in diesen Gedichten ein »Grün wirklicher Grüne«; vorher kam fast alles in den Gedichten nur aus diesem irdischen Leben, und nichts war sehr viel mit der Wirklichkeit verbunden. Als der Dichter an dieses Hingehn der Figur denkt, wird es ihm bange, und er kann auf der metaphorischen Bühne nur weiterspielen. Als er das macht, denkt er aber schon wieder an den Tod, und mit diesem Gedanken kommt auch die Realität; das Dasein der Gestorbenen erscheint, »wie ein Wissen von jener Wirklichkeit sich herniedersenkend«. Diese Gedanken an den Tod schieben eigentlich seine anderen Gedanken an diese Welt zur Seite: als Rilke sagt, er kann nur »das Leben spielen, nicht an den Beifall denkend«, das heißt, nicht an den unechten Besitz dieser Welt denkend. Nun kann er eigentlich nur an den Tod denken, und er scheint völlig mit dem Tode verbunden zu sein.

Es paßt dann dazu, daß das nächste Gedicht, die »Blaue Hortensie«, mit einem Bild, das den Tod genau darstellt, anfängt. Diese blaue Blume ist hier etwas sterbendes, schon fast totes; ihre Blätter sind »trocken, stumpf, und rauh«, und die Blüten, scheint es, haben fast keine Kraft oder Energie mehr: deswegen können sie das Blau »nicht auf sich tragen« sondern es »nur von ferne spiegeln«. Auch ist dieses Blau nicht mehr echt, und es ist, als ob die ganze Pflanze schon tot und nicht mehr fähig wäre, irgendeine Farbe zu haben -- die Blume kann das Blau nur »verweint und ungenau« spiegeln. In der zweiten Strophe passiert es dann, daß sogar das Blau verschwindet, nur von anderen Farben übernommen zu werden; die neuen Farben sind die, die in alten Briefpapieren oft erscheinen: die Blüten haben jetzt »Gelb in ihnen, Violett und Grau«. Diese Farben sind im Grunde genommen die Farben des Todes; als wenn man einen Toten anschaut, so sieht diese arme Blume aus. Sie ist genau so tot wie eine Kinderschürze, die nicht mehr getragen wird; auch sind die Farben der Blume, wie die der Schürze, etwas bleiches und »verwaschnes«. Weil sie nicht mehr lebendig ist, geschieht ihr nichts mehr, behauptet der Dichter. Als er das aber sagt, scheint er sich zu besinnen, und als er an diesen Tod denkt, wird er traurig: »wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze«, sagt er. Als er hier so ernst und völlig an den Tod denkt, plötzlich dann geschieht etwas ganz unerwartetes: fast aus heiterem Himmel fängt eine schöne Neugeburt an. Der Dichter glaubt, daß »das Blau sich zu verneuen« beginnt, und die Blume selbst scheint aufzuerstehen. Sie hat sogar jetzt Gefühle so wie auch Leben, und zwar Gefühle von Freude und Munterkeit, als die Blume wieder ins Leben kommt: Rilke beschreibt diese Wiederbelebung als »ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen«. Hier ist, zum ersten Mal in diesen Gedichten, ein völlig lebendiges Bild von Freude und Glück; die Blume wird nicht zerstört, sondern lebt sie am Ende ganz glücklich.

Von dem Titel des folgenden Gedichts, »Vor dem Sommerregen«, wird man wahrscheinlich erwarten, daß hier alles schön lebendig und aktiver werden würde, weil der Regen bald kommen wird, und normalerweise in der Natur führt der Regen zu dem Leben. Eigentlich ist das hier aber nicht der Fall: als oft bei Rilke passiert, geschieht es fast nie das, was man erwartet. Anstatt einer Wiederherstellung der Pflanzen und der anderen Gegenständen hier, kriegen wir das Gegenteil, und das Leben verschwindet von diesen Dingen, wie Rilke schreibt: »auf einmal ist aus allem Grün im Park ... ein Etwas fortgenommen«. Man fühlt dann, das der sterbende Park »näher an die Fenster« kommt, und er wird auch »schweigsam«, ein wahres Zeichen, daß er stirbt. In diesem Gedicht, wird es jetzt klar, sind wir nicht mehr im Freien, sondern innerhalb einer Gebäude, dessen Wände mit Bildern bedeckt sind: Bilder und Tapeten, die kein Leben für sich in sich enthalten, sondern nur das Porträt eines Toten spiegeln. Wir kommen also an den Tod hier sehr nah heran: man sieht »das ungewisse Licht von Nachtmittagen, in denen man sich fürchtete als Kind«. Obwohl Rilke nun von der Kindheit spricht, ist fast alles hier, noch wieder, als am Anfang des Zyklus, auf dem Weg zu dem Tode.

Das Verfahren, in dem man sich in den Tod versinkt, fährt in dem nächsten Gedicht auch fort. Hier, als in dem ersten Gedicht von der »Erblindenden«, haben die Figuren gar nicht mehr mit der freien Welt der Natur zu tun, sondern sind sie völlig in der bürgerlichen Welt, und zwar, als der Titel andeutet, »Im Saal«. Wir sind eigentlich auch hier von toten Menschen umgegeben: diese Herren und Frauen sind nicht mehr sehr lebendig, weil sie nicht sehr viel machen, außer einfach da zu stehen, »sich immer mehr verdunkelnd«. Doch lassen sie uns »ungestört, das Leben leben wie wir es begreifen und wie sie's nicht verstehn«. Es ist keine Überraschung, daß sie das Leben nicht verstehen -- sie sind schon tot, wenigstens innerlich, und es scheint sogar, daß wenn sie leben wollten, könnten sie es höchst wahrscheinlich nicht tun. Sie sind dafür nicht stark genug, als Rilke sagt: das Leben ist nicht nur blühen, sondern auch reifen, »und das heißt dunkel sein und sich bemühn«. Hier sind wir auf einmal schon wieder in dem Bereich des Todes, obwohl der Zyklus noch nicht ganz fertig ist.

Die Vollkommenheit der Wiederholung der Zeit wird in den nächsten zwei Gedichten dann erreicht. In dem folgenden Gedicht »Letzter Abend« handelt sich die ganze Geschichte um den Tod, und am Ende sehen wir »seltsam fremd ... auf dem Spiegeltische der schwarze Tschako mit dem Totenkopf«. Zunächst, dann, in dem »Jugend-Bildnis meines Vaters« kriegen wir ein Bild von etwas, das schon tot ist, denn der Vater Rilkes war schon gestorben, als er dieses Gedicht schrieb. Eigentlich beschreibt Rilke hier nicht sein lebendiger Vater, sondern nur seine Photographie, ein »schnell vergehendes Daguerreotyp in meinen langsamer vergehenden Händen«, die sicher ein sehr starkes Todesssymbol ist.

Die Wiederbelebung, die in diesem kleinen Zyklus stattfindet, ist für die Kunstphilosophie Rilkes auch wichtig. Der ganze Prozeß repräsentiert in der Tat ein Zeichen der zirkulären Zeit, der Ewigkeit, und der Wiederholung von allem; alle dieser Auffassungen tauchen bei Rilke sehr häufig auf. Für Rilke ist die Ewigkeit eine Möglichkeit nicht nur im Tode, aber auch in dieser Welt -- wenn man aber den Tod trifft (in einem positiven Sinne, wenigstens, denn es gibt immer diese zwei Meinungen des Todes bei ihm), dann kann man endlich die Freiheit von der gerichteten Zeit und von der Vergänglichkeit erreichen: man kann dann ewig leben, obwohl man stirbt. Diese Auffassung der Ewigkeit sehen wir in fast allen der rilkeschen Engelbeschreibungen, so wie auch manchmal in seinen Dinggedichten über Tieren. Im ganzen dann ist dieser kleine Zyklus der Lebens- und Todesgedichten in den Neuen Gedichten sehr interessant, nicht nur weil es an sich einen wichtigen Wendepunkt zwischen dem Tod und dem Leben darstellt, sondern auch weil es die rilkeschen Kunsttheorien, im besonderen die Theorie der Ewigkeit der zirkulären Zeit, sehr deutlich symbolisiert.





Written and © Nancy Thuleen in 1991 for German 150 at Pomona College.

If needed, cite using something like the following:
Thuleen, Nancy. "»Blaue Hortensie«: der Wendepunkt von dem Leben in den Tod." Website Article. 19 December 1991. <http://www.nthuleen.com/papers/150paper.html>.