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Die Biedermeierwerte in Hebbels Maria Magdalena

Hebbels bürgerliches Trauerspiel Maria Magdalena nimmt als Zentralbegriff das Moralsystem der bürgerlichen Gesellschaft; es stellt dieses System aber auf den Kopf als es seine Werte und Ideologie untergräbt, indem die bürgerliche Moral zur Ursache der Selbstzerstörung Marias wird. In dieser Hinsicht könnte man behaupten, daß Hebbels Tragödie in der Tat eine Synthese aus beiden Aspekten des Realismus ist: sie untergräbt die Ideologie des Biedermeiers, aber sie liefert auch eine völlig realistische Beschreibung der bürgerlichen Gesellschaft in ihren Eigentümlichkeiten und Kleinigkeiten.

Obwohl das Moralsystem, das Hebbel so scharf in seinem Drama kritisiert, eigentlich die Gesellschaft des mittleren 19. Jahrhunderts repräsentiert, kann man ihre Werte und die der Biedermeierschule zum größten Teil als gleich betrachten. Beide Systeme predigen, daß man sich wieder nach den alten christlichen Werten richten soll -- das heißt, daß Mädchen gute und fromme Kinder sein sollen, daß man überhaupt nicht stehlen darf, daß Schulden so schnell wie möglich zurückbezahlt werden sollen, und so weiter. Vor allem betonen dann beide moralischen Auslegungen die Familienwerte und die schreckliche Möglichkeit einer Schande in der Gesellschaft.

In Hebbels Drama kommen aber alle diese Werte mit den Notwendigkeiten und der Wirklichkeit des bürgerlichen Lebens in Konflikt. Anton bezahlt zwar seine Schulden, aber es kostet ihm viel, und er hat danach nicht mehr genug Geld, um eine Mitgift für seine Tochter anzubieten. Karl ist gleichfalls kein schlechter Mensch, aber er wird des Diebstahls verdächtigt, weil er vorher »schlechte« Charakterzüge gezeigt hatte. Vor allem ist es für Klara schwierig, den inneren Glauben an diesen Werten mit der Förderungen einer sich entwickelnden Liebschaft zu rechtfertigen, und sie muß sich dann entscheiden, welches ihr wichtiger ist, und welches sie aufopfern muß. Diese Werte haben auf den Schicksal der Mutter auch eine Wirkung, denn ihr Tod ist vermutlich eine Reaktion auf die Schande und die Schuld, die die Hausdurchsuchung verursacht. Es ist hier aber auch interessant, daß diese Werte für die meisten Leute in dem Drama keine großen Probleme machen: der Sohn Karl kämpft manchmal stark gegen sein schlechtes Gewissen, aber er leidet nicht wirklich darunter, genau wie der Leonhard, der die Apotheose der Heuchelei dieser Werte ist; er fühlt sich ganz frei, ein anderes Mädchen auszusuchen, nachdem er Klara schon verführt und sitzenlassen hat.

Die Wirkung und die Funktion der Biedermeierwerte in dem Stück sind jedoch voneinander unzertrennbar, denn sie führen gemeinsam zu dem Aufbau der dramatischen Illusion, sowie auch zu den realistischen Aspekten der Tragödie, nämlich zu den detaillierten Beschreibungen und zu der gleichzeitigen Ideologieuntergrabung. Die dramatische Illusion, oder der Glauben des Publikums an die Realität (bzw. an die mögliche Realität) der Ereignisse in dem Stück, wird von Hebbel durch die genaue und präzise Auslegung der Konflikten in dem alltäglichen Leben eines normalen Bürgers aufgebaut. Dieser Prozeß gibt den Lesern das Gefühl, daß die ganze Geschichte in der Wirklichkeit stattfindet -- nicht in irgendeiner imaginären Welt, die nur auf der Bühne dargestellt werden kann.

Der Realismus wird aber noch ein Stück weiter geführt, indem Hebbel alle Elemente einer typischen bürgerlichen Familie vor die Augen des Publikums bringt. Die Mitglieder dieser Familie sind meistens ganz nett und lieb zueinander, aber sie necken einander auch, und sind durchaus nicht so nett als in z.B. irgendeiner Novelle aus Reader's Digest, wo man die Lächerlichkeit der unrealistischen Familienwerte auslachen muß. Ganz im Gegenteil hat hier dann alles irgendwie ein Wirklichkeitsgefühl; sogar das Familienhaus wird auf detaillierter Weise beschrieben, und man sieht öfters die Küche oder die Hintertür als Handlungszentrum, was (in meiner Erfahrung) auch der Realität entspricht. Auch die Sprache und das Verhalten der Figuren bei Hebbel sind durchaus normal und bürgerlich; obwohl keine Regionaldialekten oder andere Sprachformen benutzt werden, scheint es trotzdem hier der Fall, daß die Geschichte in einer kleinbürgerlichen deutschen Stadt stattfindet, wo das größte Problem des Tages die moralischen Schuldgefühle und der Selbstmord eines jungen Mädchens ist. Die Genauigkeit dieser realistischen Beschreibungen hat dann die Wirkung, daß das Publikum, als die Handlungen des Dramas sich entwickeln, das Gefühl bekommt, daß sie einfach in das Nachbarhaus hineingucken, um zu sehen, was für Probleme und Konflikte es da gibt.

Die wichtigste Wirkung des Realismus in Hebbels Drama taucht aber nicht in ihrer illusorischen und zugleich wirklichkeitsstützenden Funktion, sondern in einer bestimmten Aspekte derselben: die Untergrabung der Ideologie der Biedermeierwerte. Hebbel zeigt es seinem Publikum hier ganz eindeutig, daß das zeitgenössische Wertesystem ein selbstwidersprüchliches ist, indem es den inneren Glauben an eine Moral, die von außen bestätigt werden muß, als allerwichtigsten Charakterzug eines Menschen fördert. Nach Hebbel, der seine dramatischen Theorien stark auf die Philosophie Hegels basiert hat, ist der moderne Mensch also ein Ausdruck der gesellschaftlichen Moral -- daß heißt, daß der moderne Mensch auch widersprüchlich ist. Er (sie) geht aber in der idealen Tragödie nicht an diesem Fehler zugrunde, sondern an seinem inneren Festhalten an die gesellschaftliche Moral, die sein »gutes« Gewissen gebaut hat. Der Begriff der bürgerlichen (oder biedermeierlichen) Moral enthält deswegen die These sowie auch die Antithese der modernen Dialektik in sich selbst -- anders gesagt kämpft diese Moral gegen verschiedene Aspekte ihres Selbsts, bis sie endlich die Synthese der zukünftigen Moral (oder der neuen Mythologie?) erreicht. Aus diesen Gründen hat Hebbel also versucht, das Entwickeln und das nachfolgende Verhalten eines modernen Bürgers auf die Bühne zu bringen, um dem Publikum zu erklären, wie and warum die Gesellschaft jetzt ist, wie sie ist, und was die Folgen davon sein können. Das Resultat ist aber nicht nur ein Drama, das das Bürgertum ausführlich und detailliert beschreibt, sondern auch ein Drama, das dessen Institutionen und Ideologien völlig untergräbt: eine Zusammenmischung also von den Grundeigenschaften des poetischen Realismus.


Die symbolische Aspekte und Wirkungen der schwarzen Spinne

Der Titel der Geschichte von Jeremias Gotthelf verrät auch die Symbolik in dem Werk: die schwarze Spinne wird nicht nur als Impuls für die Handlung der Dorfleute dargestellt, sondern auch als Hauptsymbol und wichtiger Strukturpräger für die ganze Novelle. Die spezifische Bedeutung der Spinne ist aber vom Autor überhaupt nicht festgelegt: einige mögliche Anspielungen sind die schwarze Pest, die Schuld und Schuldgefühle der Dorfleute, oder eine Strafe Gottes als Büße für ihre Sünden und für ihren moralischen Ungehorsam. Trotzdem aber wirkt die Symbolik der Spinne ganz deutlich auf die Struktur der Novelle und auf den schweizerischen Lokalismus, der die ganze Erzählung färbt.

Die erste und offensichtlichste Bedeutung der Spinne ist also die Pest, die öfters durch die Geschichte Europas ungeheuere Katastrophen auf die Leuten zugebracht hat. Diese Interpretation des Symbols wird in der Geschichte eindeutig unterstützt: die Leuten sterben an einer mysteriösen Krankheit, die den Körper und besonders das Gesicht angreift: »Da hörte man, daß mit schwarzen Beulen der Pfarrer gestorben, man fand Hans mit schrecklichem Gesichte ...« (S. 81) Auch schlägt die Spinne auf geheimnißvoller Weise zu: »schrecklicher noch als das Sterben war die namenlose Angst vor der Spinne, die allenthalben war und nirgends, die, wenn man am sichersten sich wähnte, einem todbringend plötzlich in die Augen glotzte.« (S. 84) Man könnte eine ausführlichere Analyse machen, wobei man die Daten der Pestausbrechen in der Schweiz mit denen in der Geschichte vergliche, aber auf jedenfall ist diese Interpretation durchaus möglich und von den meisten schon akzeptiert worden.

Noch eine mögliche und akzeptierte Bedeutung für die schwarze Spinne ist eine symbolische Schilderung der Schuld und der Schuldgefühle der Dorfleute, nachdem sie das Angebot des grünen Jägermanns angenommen haben. Obwohl es eigentlich nur die Christine war, die diese Missetat begangen hat, legt der Erzähler die Schuld dafür auf alle Dorfbewohner, weil sie alle, so zu sagen, in demselben Boot sind. In dieser Auslegung dann wirken ihre Schuldgefühle auf das Gewissen sowie auch auf den Körper; diese Zerstörung kehrt sich nur um, wenn die Leute ihre Schuld bewußt erkennen und eine Änderung vollbringen -- in der Form der Einsperrung der Spinne durch »das fromme Weibchen« oder durch Christian.

Im Wesentlichen ist diese Erklärung der Symbolik auch einer anderen ähnlich: die Spinne als Strafe von Gott für die Sünden und für den Ungehorsam, sogar für die Gottesbelästerung des Volkes. Hier käme aber die Ursache der Probleme nicht von irgendeinem inneren Phänomen, sondern von einem äußeren Wesen, nämlich von Gott. Diese Interpretation ist auch in der Geschichte durchaus möglich, hauptsächlich der Religiösität und Frömmigkeit der ganzen Rahmengeschichte und der heutigen Dorfleute wegen.





Written and © Nancy Thuleen in 1992 for German 142 at Pomona College.

If needed, cite using something like the following:
Thuleen, Nancy. "Hebbels Ideologieuntergrabung, Gotthelfs Symbolik." Website Article. 16 December 1992. <http://www.nthuleen.com/papers/142final.html>.